In der Forschung zu nicht-stoffgebundenen Abhängigkeiten tut sich etwas

Wenn Spass zur Sucht wird

Ob Glücksspiel oder die Nutzung von Social Media im medizinischen Sinn «süchtig» machen können, war lange Zeit umstritten. Doch in der Forschung zu den nicht-stoffgebundenen Abhängigkeiten tut sich etwas: Mittlerweile existieren einige offizielle Diagnosen. «Bei einer Sucht ist man sehr stark eingenommen von dem Verhalten oder vom Konsum einer Substanz», erklärt Prof. Dr. Nina Romanczuk-Seiferth von der Medical School Berlin im Podcast O-Ton Allgemeinmedizin. Man verwendet viel Zeit darauf und ist auch gedanklich ständig damit beschäftigt. Es gibt ein starkes Verlangen nach der Ausführung oder dem Konsum, auch Craving genannt.

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12. März 2025
Mann sitzt im Dunkeln vor dem Laptop und spielt Online-Poker
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Ein weiteres Abhängigkeitsmerkmal ist der Kontrollverlust. Die Betroffenen sind nicht mehr in der Lage, den Beginn und das Ausmass des Verhaltens zu steuern. Ebenfalls charakteristisch: Die Patienten entwickeln eine Toleranz und müssen die «Dosis» immer weiter steigern, um die gleiche Wirkung zu erzielen.

Dopamin-Belohnungssystem spielt eine grosse Rolle

Das pathologische Glücksspiel ist von den Verhaltenssüchten bislang am besten untersucht und wird bereits im DSM-5 und der ICD-10 anerkannt. Für viele andere substanzungebundene Abhängigkeiten sind Definition und diagnostische Kriterien aber noch im Fluss. Dabei eignet sich nicht jedes Verhalten gleich gut dazu, abhängig zu machen. «Wahrscheinlich hat das mit der Reaktion unseres Gehirns auf bestimmte Verhaltensweisen zu tun. Das Dopamin-Belohnungssystem spielt für die Entstehung und Aufrechterhaltung von Abhängigkeitserkrankungen generell eine grosse Rolle», so Prof. Romanczuk-Seiferth.

In Behandlung kommen Menschen mit Verhaltenssüchten meist erst, wenn die Störung bereits spürbare negative Auswirkungen in der Schule, im Beruf oder in der Familie verursacht hat. Das Umfeld bemerke die Krankheit in der Regel früher als die Betroffenen selbst, erläutert die Psychologin. Dass die Süchtigen das Problem bagatellisieren und sowohl ihre Angehörigen als auch Ärzte zum Teil anlügen, dürfe man nicht als fehlende Kooperation missdeuten: «Es ist Teil der Erkrankung, dass die Person das Ausmass herunterspielt oder vielleicht auch unehrlich ist.»

Besteht eine riskante Neigung zu einem Verhalten, ohne dass man von einer manifesten Sucht sprechen könnte oder es bereits erhebliche Auswirkungen auf das Privatleben gab, helfen in vielen Fällen die allgemeinen Suchtberatungsstellen weiter. Fast alle Anbieter haben Verhaltenssüchte mittlerweile auf dem Schirm. Die Experten können generell zum Thema Sucht beraten sowie auf Selbsthilfegruppen und Literatur hinweisen.

Wird das Verhalten bereits exzessiv ausgeübt, ist oft eine Psychotherapie die richtige Wahl. Je nach den Möglichkeiten vor Ort kommen beispielsweise ein spezialisiertes Beratungszentrum oder niedergelassene Therapeuten, die sich in dem Bereich engagieren, als Anlaufstellen infrage. In der Behandlung lassen sich einige Methoden aus dem Bereich der substanzbezogenen Störungen übernehmen. So spielt die motivationale Arbeit eine grosse Rolle: Was sind die Gründe für das Verhalten? Häufig dient es dazu, Stress oder Gefühlen wie Trauer, Einsamkeit oder Schuld auszuweichen. In der Therapie werden Strategien erarbeitet, wie die Betroffenen sich in Risikosituationen verhalten können.